Senefelder-Schule

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Schulleben Theatergruppe Schultheater: Zeitdiebe

Schultheater: Zeitdiebe

treuchtlingerkurier

vom 04.07.2013

Theatergruppe der "Sene" interpretierte „Momo“ neu

Mit Gameboy-Gedudel in die Zeit-Zwangsjacke

Ein eindringliches Plädoyer gegen den Zeitdruck und die wachsende Unpersönlichkeit der digitalisierten Gesellschaft hat die Theatergruppe der Treuchtlinger Senefelder-Schule mit ihrem Stück „Zeitdiebe“ auf die Bühne gebracht. Dabei schickten die 19 jungen Darsteller aller drei Schulzüge ihr rund 100-köpfiges Publikum ohne „Happy End“ nach Hause.

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Anders als bei Michael Endes „Momo“ gewinnen in der Senefelder-Schule die „grauen Herren“. Vor ihren Füßen verlieren sich die verführten Kinder in der virtuellen Welt von Internet und Spielekonsolen. Foto: Shaw

Wer kennt sie nicht, Michael Endes „Momo“ und die „grauen Herren“, die den Menschen die Zeit stehlen? Im Roman von 1973 gelingt es der klugen und hilfsbereiten Momo noch, die grauen Herren zu besiegen. 30 Jahre später gibt es jedoch keine Momo mehr, die den Kindern den Wert des Augenblicks zeigen könnte. In der Inszenierung der Senefelder-Schüler gewinnt das leere Grau der inhaltslosen Zeitverschwendung, die reizüberflutete Einsamkeit virtueller Ersatzwelten.

Was es den Zeitdieben im grauen Einheitslook im Jahr 2013 so einfach macht, selbst die Kinder zu roboterhaften Sklaven der Lebenszeitvergeudung zu machen, hat der Treuchtlinger Theaternachwuchs mit scharfem Blick erkannt. Wo die grauen Herren bei den leistungs- und termingetriebenen Erwachsenen schon immer leichtes Spiel hatten, hat ihnen das digitale Zeitalter für die Verführung der Jugend den perfekten Diebesmantel beschert: Smartphone, Spielekonsole und Internet.

Sie berauben die Kinder ihrer Zeit für das Jetzt und Hier, für echte soziale Kontakte und das wirkliche Leben. Freundschaften werden in „Likes“ gemessen, sind unverbindliche Massenware und nur noch am Monitor real.

Die jungen Schauspieler, die die hochaktuelle Theateradaption unter der Leitung von Barbara Seubert und Gabriele Foltis größtenteils selbst entwi­ckelt haben, gießen den Sieg der grauen Herren in ein eindrucksvolles Bild: Während die Zeitdiebe den Platz des geschlagenen „Meister Hora“ (Sonderapplaus für Lukas Pascher) einnehmen, sitzen die vorher stets als Gruppe auftretenden Kinder weit verstreut am Boden, jedes gebannt auf sein Smartphone starrend, körperlich und geistig weitmöglichst voneinander entfernt. Dazu dröhnt aggressiv und bedrohlich verzerrt die symbolhafte Videospiel-Melo­die von „Tetris“ aus den Lautsprechern.

Einen hoffnungsvollen Akzent setzen die Fünft- bis Zehntklässler am Schluss dann aber doch noch mit Elli Michlers bekanntem Gedicht „Ich wünsche Dir Zeit“. Ohne hätte die Warnung des Stücks vielleicht sogar noch mehr Wucht gehabt...

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Bilderstrecke zum Thema. Fotos: Shaw